Über die Geduld

31.01.2019

Wie oft sind wir es selbst, die uns unter Druck setzen, die hart sind, ungeduldig, grob, schroff und kalt. Wie oft fehlt uns für uns selbst Mitgefühl, Nachsicht, Verständnis und vor allem Geduld. Wir wollen so vieles so schnell erreichen, können, wissen und begreifen. Doch es braucht Zeit, um zu wachsen und zu reifen. Auch das Laufen und Sprechen haben wir nicht über Nacht gelernt und es ist uns auch nicht beim ersten Versuch gelungen.

 

In unserer lauten, hektischen Welt der ungezählten Möglichkeiten kommt allzu oft die Geduld zu kurz - und mit dieser fehlenden Geduld auch das Verständnis dafür und die Einsicht, dass alle Dinge ihre Zeit brauchen. Wir rationalisieren doch tatsächlich selbst das Mitgefühl, die Nachsicht und eine liebevolle, gerne auch zärtliche Güte mit uns selbst einfach fort. Wozu? Warum?

 

Gebe dir Zeit, erlaube dir Fehler, reife in Ruhe - und bleibe in der Liebe für dich selbst.

 

 

Über die Geduld

 

Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann,

alles ist austragen –

und dann gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken, eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

 

(Rainer Maria Rilke)

 

 

 

 

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